
Japan lässt die Maske eines "ausschließlich auf Verteidigung ausgerichteten Staates" fallen

Von Alexander Timochin
Japan ist in den sehr kleinen Kreis jener Staaten aufgerückt, die Tomahawk-Marschflugkörper von ihren Kriegsschiffen aus einsetzen können: Der Zerstörer "Chokai" feuerte vor der kalifornischen Küste erfolgreich einen solchen Marschflugkörper ab. An dem Start waren auch US-amerikanische Spezialisten beteiligt. Um die Bedeutung dieses Ereignisses einschätzen zu können, lohnt sich ein Blick darauf, wie solche seegestützten Marschflugkörper eingesetzt werden und in welchen Stückzahlen dies möglich ist.

Tomahawk-Marschflugkörper werden von Schiffen aus dem Senkrecht-Startsystem Mk41 abgefeuert. Die Besonderheit dieses Systems liegt in seiner vielseitigen Verwendbarkeit: Es kann Flugabwehr- und U-Boot-Abwehrraketen, Tomahawk-Marschflugkörper sowie potenziell auch andere Raketentypen abfeuern. Anhand der Anzahl dieser Startzellen in der Flotte lässt sich der Umfang einer möglichen Raketensalve abschätzen und daraus die Zerstörungskraft der Flotte bei Angriffen auf Landziele ableiten.
Da die Mk41-Startzellen mit unterschiedlichen Raketentypen bestückt werden, können sie nicht vollständig mit Marschflugkörpern belegt werden – ein Teil muss für Flugabwehr- und U-Boot-Abwehrraketen frei bleiben. Nach den Erfahrungen der US-Marine können unter normalen Bedingungen 30 bis 50 Prozent der verfügbaren Startzellen mit Marschflugkörpern belegt werden. Das gilt allerdings für die US-Marine mit ihren 96 Zellen pro Zerstörer und 122 pro Kreuzer. Japan weist hier gewisse Besonderheiten auf.
Derzeit sind bei den Maritimen Selbstverteidigungsstreitkräften Japans zwei Klassen von Lenkwaffenzerstörern mit jeweils 96 Startzellen im Einsatz – die Maya- und die Atago-Klasse. Von jeder Klasse befinden sich zwei Schiffe im Dienst, was insgesamt 384 Raketen aller Typen ergibt. Legt man die US-amerikanischen Ansätze zugrunde, bedeutet dies bei einer Mehrzweckbeladung etwa 115 Marschflugkörper. Darüber hinaus stehen vier Zerstörer der Kongō-Klasse mit jeweils 93 Startzellen im Dienst. Das ergibt weitere 372 Raketen, von denen schätzungsweise 112 Marschflugkörper wären.
Die mögliche Gesamtsalve der japanischen Überwasserstreitkräfte könnte damit bei rund 217 Marschflugkörpern oder etwas darüber liegen. Dies setzt natürlich voraus, dass alle großen Lenkwaffenzerstörer mit Tomahawk-Marschflugkörpern bewaffnet werden und diese etwa 30 Prozent der Startzellen belegen.
Hier gibt es jedoch einen weiteren Faktor: Japan verfügt nämlich noch über kleinere Zerstörer. Zusammen bieten diese weitere 412 Startzellen für Raketen. Ob diese Schiffe ebenfalls für den Einsatz von Tomahawk-Marschflugkörpern nachgerüstet werden, ist offen. Geht man davon aus, dass von der genannten Anzahl an Raketenzellen 10 Prozent mit Marschflugkörpern belegt werden, so ergibt dies 41 Marschflugkörper (natürlich nur annähernd). Zusammen mit den "großen" Schiffen ergäbe sich damit eine Salve von rund 258 Marschflugkörpern.
Auf den ersten Blick scheint das nicht besonders viel zu sein, doch tatsächlich kommt es nicht allein auf die Anzahl an, zumal Japan nicht nur seine Überwasserschiffe umrüstet. Der Umbau des "Hubschrauberzerstörers" Kaga zu einem leichten Flugzeugträger ist abgeschlossen; das Schiff Izumo soll künftig ebenfalls in dieser Funktion eingesetzt werden. Auf beiden Schiffen zusammen wären damit schätzungsweise rund 40 F-35B-Kampfflugzeuge einsetzbar. Bei zwei Einsätzen pro Maschine und Tag entspräche dies etwa einem Fünftel der Zahl der täglichen US-Einsätze bei den Angriffen auf den Iran.
Zusammen mit den von den Zerstörern gestarteten Marschflugkörpern würde eine derartige Zahl von Kampfflugzeugen auf See es Japan ermöglichen, einen sogenannten "Alpha Strike" durchzuführen – einen massiven kombinierten Luft- und Raketenangriff. In der ersten Angriffswelle werden Marschflugkörper gegen zuvor aufgeklärte Ziele abgefeuert, gefolgt von Dutzenden schwer erkennbarer Kampfflugzeuge mit hochpräzisen Waffen.
In der Nähe der japanischen Inseln können alle Aufgaben durch die Luftstreitkräfte und Raketenwaffen vom japanischen Kernland aus erfüllt werden. In größerer Entfernung von der Küste sind jedoch Schiffe erforderlich – damit die Schlagbereitschaft über Monate hinweg aufrechterhalten bleibt und die Zeit für die Durchführung des Angriffs – aus kurzer Entfernung – auf ein Minimum reduziert wird.
Am naheliegendsten wäre der Einsatz einer solchen Taktik durch Japan gegen die russischen Flottenkräfte und Marineflieger auf Kamtschatka. Dieser Kriegsschauplatz scheint geradezu für einen Angriff mit Kräften dieser Größenordnung geschaffen, mit denen versucht werden könnte, die gesamte in den Stützpunkten stationierte russische Atom-U-Boot-Flotte zu neutralisieren. Einige der sich auf See befindlichen U-Boote würde Japan seinen U-Boot-Abwehrkräften als Ziele überlassen – den landgestützten Seefernaufklärern, Überwasserschiffen und U-Booten.
Ein solches Szenario ist jedoch natürlich ebenso unwahrscheinlich wie ein direkter Angriff der japanischen Marine auf China. Es gibt auch andere Optionen. Nicht zuletzt deshalb äußerte die DVRK offen ihre Unzufriedenheit mit den japanischen Tests.
Die Reaktion der DVRK lässt zugleich an deren wichtigsten Gegner denken – die Vereinigten Staaten. Zumal die USA ihre Kriege stets im Rahmen der einen oder anderen Koalition führen. In jedem Krieg auf dem pazifischen Kriegsschauplatz wäre ein Verbündeter wie Japan für die USA höchst willkommen – vorausgesetzt, Japan selbst wäre bereit zu kämpfen.
In ähnlicher Weise gewinnt die japanische Marine im Bündnis mit Australien oder Indien schlagartig eine weitaus größere Bedeutung. In diesem Fall müssten zu den 250 bis 300 japanischen Marschflugkörpern noch die Marschflugkörper anderer Länder hinzugerechnet werden. Hinzu kommen die trägergestützten Kampfflugzeuge, deren Auslieferung bereits läuft.
Es gibt noch einen weiteren Aspekt. Die USA verlieren an Stärke. Sie sind zwar noch weit von einem Zusammenbruch oder einer solchen Schwächung entfernt, bei der sie machtlos wären, doch ihr Einfluss nimmt ab. Das bedeutet, dass jemand das entstehende politische Vakuum füllen wird. Solche Prozesse verlaufen selten ohne Krieg, und sollten die USA gegen China in den Krieg ziehen, wird Japan als wichtiger Verbündeter der USA zwangsläufig an diesem Krieg teilnehmen.
Japan hat noch weitere Motive für einen Krieg. Als Inselstaat leidet Japan unter einem erheblichen Mangel an natürlichen Ressourcen, die die Japaner von anderswo beziehen müssen. In einer Welt, die ins Chaos stürzt, werden nur jene Ressourcen verfügbar sein, die verteidigt werden können – und dafür benötigt man im globalen Maßstab eine Flotte.
Und Japan verfügt über eine solche: eine Serie leichter, schneller Fregatten der Mogami-Klasse, dutzende Zerstörer, von denen einige mit insgesamt mehreren Hundert Marschflugkörpern ausgerüstet sind, Hubschrauberträger vom Typ Hyūga und Ise sowie zwei leichte Flugzeugträger mit Kampfflugzeugen. All dies stellt bereits eine Streitmacht dar, die kein Land in der Region ignorieren kann, nicht einmal China. Hinzu kommt eine einsatzbereite Amphibische Schnelleinsatzbrigade.
Was all dem bislang noch fehlte, waren Marschflugkörper – und jetzt sind sie da. Japan muss nur noch eine gewisse Zahl von Versorgungstankern und Landungsschiffen für die Marineinfanterie bauen – derzeit gibt es nicht genügend davon –, dann können diese Kräfte überallhin entsandt werden. Und die Marschflugkörper auf den Zerstörern werden bei jedem denkbaren japanischen Einsatz, wohin er auch führen mag, ein politischer Faktor von erheblicher Bedeutung sein.
Die Militarisierung Japans nimmt an Fahrt auf. Die Maritimen Selbstverteidigungsstreitkräfte werden in ein paar Jahren wesentlich stärker sein als noch vor zehn Jahren. Dass Japan hinter den Kulissen sowohl über den Bau von Atom-U-Booten als auch über die Entwicklung von Atomwaffen diskutiert, ist für niemanden ein Geheimnis. Die Ausrüstung der Schiffe der japanischen Marine mit Tomahawk-Marschflugkörpern ist ein ganz natürlicher Bestandteil dieser rasant voranschreitenden Militarisierung.
Und schließlich sollte man bei der Bewertung der japanischen Vorbereitungen die allgemein bekannten Fakten nicht außer Acht lassen. Japan erhebt territoriale Ansprüche gegenüber all seinen Nachbarn, darunter auch gegenüber Russland – auf die vier südlichen Inseln der Kurilen. Und das ist nur der offizielle Standpunkt; inoffiziell gibt es in Tokio zahlreiche Stimmen, die davon träumen, Russland die gesamten Kurilen und vielleicht sogar Sachalin wegzunehmen.
Japan wurde von Russland auf die Liste der unfreundlichen Staaten gesetzt. Das Land kooperiert mit der Ukraine, wenn auch in geringem Umfang. All dies verleiht den Bestrebungen Japans, Raketenangriffe von See aus mit einer Reichweite von 1.600 Kilometern durchführen zu können, eine Bedeutung, die nicht ignoriert werden darf. Wie man in der DVRK betont, hat "Japan die trügerische Fassade eines 'ausschließlich auf Verteidigung ausgerichteten Landes' fallen gelassen". Genauso sind die jüngsten Tests mit den Tomahawk-Marschflugkörpern zu verstehen: Japan macht kein Hehl mehr daraus, dass es im Ernstfall nicht davor zurückschrecken würde, sich an einer neuen militärischen Aggression zu beteiligen.
Übersetzt aus dem Russischen. Der Artikel ist am 10. August 2026 zuerst auf der Homepage der Zeitung "Wsgljad" erschienen.
Alexander Timochin ist ein russischer Journalist, der Artikel zu militärtechnischen Themen schreibt, hauptsächlich über die Marine.
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